Ich habe früher mal einen Satz aufgeschnappt, der auf Karl Barth zurückgeht und der besagt, dass Gott der ganz andere ist. Damals habe ich mir noch nicht viel dabei gedacht. - Denn auch dann können wir ja versuchen, Gott möglichst gut zu erkennen. Für mich war eine solche Aussage mit dem ganz anders Sein irgendwie überflüssig oder unnötig.

Interview und Gott ist gut

Anfang August 2026 schaute ich mir das folgende Interview an, bei dem eine fromme Mutter interviewt wird, die vor mehreren Jahren zwei ihrer drei Kinder verloren hatte:

https://www.youtube.com/watch?v=-Td7hYc_Ktg

In Minute 7:33 sagt sie:

Nach acht Jahren Eli und fünf Jahren Philipp, werden’s, kann ich nur sagen: Gott ist wunderbar. Er ist so gut - und zwar wirklich zu jedem. Wir sehen’s einfach nur nicht. Aber er ist einfach gut. Er meint es gut. Er ist so ein guter Vater. Und wir sind einfach nur blind und sehen das nicht und begreifen das nicht. - Wenn uns auch Schweres widerfährt, ob es jetzt Krankheiten sind. Das ist sehr schwer dann manchmal, das zu verstehen, grad wenn es um Schmerzen geht. Es gibt ja auch seelische Schmerzen aller Art, die sind manchmal noch schlimmer. Aber Gott ist trotzdem gut. Und wenn wir das einfach glauben und uns an die Wand schreiben oder so - uns erinnern oder uns Bibelverse hinschreiben. Ich kann nur bestätigen durch die ganze Zeit und immer wieder in meinem Leben, sehe ich einfach: Gott ist gut.

Der naheliegende Vorwurf, denn viele Menschen in einer solchen Situation hätten, ist: Wenn Gott allmächtig ist, wieso hat er es zugelassen, dass diese zwei Kinder sterben? - Gerade sogar die Kinder zweier christlicher Eltern. Wie passt das mit Gottes Güte zusammen?

Und reifere Christen wie die Mutter aus dem Interview sagen letztlich, dass Gott größer ist als wir und keine Fehler macht. Er hat das größere Gesamtbild, auch in die geistliche Welt hinein und wir Menschen können da mit unserer begrenzten Sicht nicht mithalten.

Deshalb ist Gott nicht “gut” nach unseren Maßstäben gemessen, sondern nach seinen eigenen. Und die sind nicht immer mit unseren eigenen identisch. Und für mich ist das genau das, was Karl Barth damit aussagte, dass Gott der ganz andere ist. Und damit beschreibt er auch ein Denkmuster, dass offenbar einige Christen anwenden und letztlich dafür auch bewundert werden, wenn sie sagen, dass Gott trotzdem gut ist, auch wenn wir es oft nicht verstehen.

“Gott ist der ganz andere” meint dabei nicht, dass Gott immer unseren Vorstellungen entgegengesetzt ist. Wir wissen aus den Schriften, dass Gerechtigkeit und Mitleid zentrale Motive Gottes sind. Aber uns fehlt das Wissen und der Horizont Gottes in vielen Situationen, diese Eigenschaften Gottes immer ganz konkret zu sehen. Manchmal verstehen wir Gott und manchmal eben nicht. Und weil dies am Ende unberechenbar ist, kann ich sagen “Gott ist der ganz andere”. Wir können unsere konkreten Vorstellungen von Gerechtigkeit nicht immer mit denen von Gott gleichsetzen, weil uns die Tiefe der Gedanken Gottes fehlt.

Vergleich mit Abraham

Aber trotzdem können wir an sich mit unseren Vorstellungen zu Gott kommen, Wie Abraham dies getan hat. 1. Mose 18, 20-32:

20 So sagte denn der HERR: »Das Geschrei über Sodom und Gomorrha ist gar groß geworden, und ihre Sünde ist wahrlich sehr schwer. 21 Darum will ich hinabgehen und zusehen, ob sie wirklich ganz so gehandelt haben, wie die lauten Klagen, die zu mir gedrungen sind, von ihnen melden, oder ob es sich nicht so verhält: ich will es erkunden.« 22 Hierauf wandten sich die (anderen beiden) Männer von dort weg und gingen auf Sodom zu, während Abraham noch vor dem HERRN stehenblieb. 23 Da trat Abraham näher heran und sagte: »Willst du wirklich die Gerechten zugleich mit den Gottlosen wegraffen? 24 Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte innerhalb der Stadt: willst du die wirklich umkommen lassen und nicht lieber dem Orte vergeben um der fünfzig Gerechten willen, die in ihm sind? 25 Fern sei es von dir, so zu handeln, die Gerechten zusammen mit den Gottlosen ums Leben zu bringen, so daß es den Gerechten ebenso ergeht wie den Gottlosen: das sei fern von dir! Der Richter der ganzen Erde muß doch Gerechtigkeit üben!« 26 Da antwortete der HERR: »Wenn ich in Sodom fünfzig Gerechte innerhalb der Stadt finden sollte, so will ich dem ganzen Ort um ihretwillen vergeben.« 27 Darauf nahm Abraham wieder das Wort und sagte: »Ach siehe, ich habe es gewagt, zu dem Allherrn zu reden, obgleich ich nur Staub und Asche bin. 28 Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten noch fünf: willst du da wegen dieser fünf die ganze Stadt vernichten?« Er antwortete: »Nein, ich will sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde.« 29 Darauf fuhr Abraham fort, ihn nochmals anzureden, und sagte: »Vielleicht finden sich deren dort nur vierzig.« Jener erwiderte: »Ich will ihnen um der vierzig willen nichts tun.« 30 Abraham sagte: »Möge doch der Allherr nicht zürnen, wenn ich nochmals rede: vielleicht finden sich dort nur dreißig.« Er antwortete: »Ich will ihnen nichts tun, wenn ich dort dreißig finde.« 31 Er sagte weiter: »Siehe doch, ich habe es gewagt, zu dem Allherrn zu reden: vielleicht finden sich dort nur zwanzig.« Er antwortete: »Ich will sie schon um der zwanzig willen nicht vernichten.« 32 Da sagte er: »Möge doch der Allherr nicht zürnen, wenn ich noch dies eine Mal rede: vielleicht finden sich dort nur zehn.« Er erwiderte: »Ich will sie schon um der zehn willen nicht vernichten.«

Kannst du hier in Vers 25 lesen wie frech Abraham hier streng genommen wird mit seiner Vorstellung von Gerechtigkeit? Er hätte auch sagen können: Ich finde so etwas ungerecht, aber Gott ist trotzdem gerecht. - Aber nein, er bringt seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit zur Geltung und Gott belohnt ihn dafür. Gott verfährt hier mit ihm anders als mit Hiob. Wahrscheinlich bezichtigt Abraham Gott hier eben nicht der Ungerechtigkeit anders als Hiob in seinem Erlebnis.

Ich weiß nicht ganz, was ich alles aus diesem Teil mitnehmen kann. Ich bewundere die Freimütigkeit Abrahams und für mich ist das was ganz anderes als zu sagen: “Gott ist der ganz andere” und gut ist es, auch wenn ich gerade ganz anders empfinde. Diese Freimütigkeit erkenne ich auch in Jesu Worte in Matthäus 7, 7-11 wieder:

7 »Bittet, so wird euch gegeben werden; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan werden! 8 Denn wer da bittet, der empfängt, und wer da sucht, der findet, und wer anklopft, dem wird aufgetan werden. 9 Oder wo wäre jemand unter euch, der seinem Sohne, wenn er ihn um Brot bittet, einen Stein reichte? 10 Oder der, wenn er ihn um einen Fisch bittet, ihm eine Schlange gäbe? 11 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben versteht; wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten!«

Aber wie soll so eine Freimütigkeit möglich sein, wenn ich daran glaube, dass Gott der ganz andere ist? Ich bin zwar dadurch gewappnet gegen Schicksalsschläge, weil ich meine Erwartungshaltung reduzieren kann, aber ich habe dadurch gleichzeitig keine richtige Freimütigkeit, weil ich nicht weiß, ob meine Vorstellungen von gut und schlecht oder von anderen Dingen denen von Gott entsprechen. - Vielleicht meine ich, von Gott eine Schlange zu bekommen, aber es ist in Wahrheit ein Fisch und ich erkenne dies erst ganz spät oder vielleicht sogar in diesem Leben gar nicht.

Möglicher Ausweg aus dem Dilemma

Kreuz in einer Kapelle bei Gamburg im Tauberkreis

Kreuz in einer Kapelle bei Gamburg im Tauberkreis

Ich sehe hier also zwei unterschiedliche, einander zumindest im Prinzip ausschließende Glaubenshaltungen:

  • du kannst freimütig einige deiner eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit, von gut und böse und von anderen Sachen auf Gott übertragen
  • du hältst dich bezüglich eigener Vorstellungen von Gott stark zurück, weil Gott letztlich der ganz andere ist und du nicht jede Situation in der nötigen Tiefe begreifen kannst

In der letzteren Variante glaubst du also, dass Gott “gut” ist, weißt aber nicht, was genau das bedeutet. - Denn das bestimmt letztlich Gott selbst und dann zählt das, was vor Gott “gut” ist. Wir haben zwar die ganze Bibel mit erzählten Eigenschaften und Taten Gottes, aber letztlich ist jede individuelle Situation anders und Gott hat dabei mehr Durchblick als jeder einzelne von uns. - Und das scheint mir die reifere Sicht zu sein.

Die erstere Variante ist mehr die “kindlichere”, direktere Variante, womit wahrscheinlich jeder Christ irgendwo anfängt und sie dann mit der Zeit zumindest teilweise verwirft - vielleicht auch zu Unrecht, ich weiß es nicht. Und wahrscheinlich wird sogar jeder Christ eine Mischung aus diesen beiden Glaubenswegen in sich tragen. Leicht enttäuschte Christen werden dabei mehr die erste Variante in sich tragen, während die reiferen Christen mehr von der letzteren Variante in sich tragen werden.

Wenn das stimmt, dann musst du “Gott ist der ganz andere” lernen, wenn du dich als Christ weiterentwickeln möchtest. Einen besseren Weg sehe ich aktuell nicht und Karl Barth scheint dies auch nicht getan zu haben - einen Weg, der nicht ausschließlich gute Seiten für uns haben kann, was dann aber in Kauf zu nehmen wäre.

Ich sehe hier die Gefahr des inneren Erkaltens und vermute deshalb, dass viele Christen den Weg des “Gott ist der ganz andere” nicht konsequent gehen werden. Wahrscheinlich werden viele hier und da ganz konkrete Vorstellungen von Gott haben und wenn sich diese im Alltag nicht bewahrheiten sollten, dann wechselt man zu “Gott ist der ganz andere”. - Ein solches Beispiel sind manche unerhörten Gebete, bei denen Gott dann stattdessen was “besseres” im Sinn hatte.

Ich weiß nicht, ob das insgesamt gut oder schlecht ist und das sollte vermutlich jeder für sich beurteilen.